Geschichte

DAS THEATER RADOST IN BRÜNN

Im September 1945 wandte sich der Leiter der Abteilung für Ästhetische Erziehung des Pädagogischen Forschungsinstituts in Brünn, Herr Dr. František Tenčík, an den herausragenden Amateurregisseur für Puppentheater Vladimír Matoušek, mit der Absicht, in Brünn ein Puppentheater zu gründen und zu leiten. Sitz des zukünftigen Puppentheaters Radost („Freude“) wurde das Gebäude des ehemaligen Kinos Orania in der Bratislavská-Gasse Nr. 32. Im Oktober 1947 wurde ein halbprofessioneller Betrieb eröffnet und im Laufe von zwei Jahren stellte Vladimír Matoušek – ein Pädagoge und Künstler, der zu den vorderen Persönlichkeiten des tschechischen Puppentheaters der Zwischenkriegsgeneration gehörte – ein talentiertes Team aus Künstlern zusammen, die bereit waren, professionell zu werden.

Die professionelle Tätigkeit des Theaters wird vom 25. Oktober 1949 an datiert. Das zwölfköpfige Ensemble, in dem von Anfang an Zora Bílková-Matoušková, Růžena Kolářová und der Regisseur und Schauspieler Josef Kaláb tätig waren, wurde von Vladimír Matoušek geleitet, als Künstlerin fungierte Jarmila Majerová. Kurz darauf wurden u. a. Mirko Matoušek, Marcel Halouzka, Jitka Kalábová und der Künstler Karel Hlavatý engagiert. Von Beginn an bemühte sich das Puppentheater Radost (PTR) um ein eigenes Profil in der Dramaturgie sowie in den Inszenierungen.

In diesem Theater wurden vor allem ursprüngliche Stücke heimischer Autoren aufgeführt. Bis zum Anfang der sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts wurden der persönliche Inszenierungsstil und die Poetik des PTR vor allem vom Regisseur Josef Kaláb geschaffen, gemeinsam mit den Künstlern Jarmila Majerová und Karel Hlavatý. Manche Inszenierungen vom Ende der fünfziger Jahre wurden zu einem unabdingbaren Bestandteil der Geschichte des tschechischen Puppentheaters:

Kainars Goldlöckchen (Zlatovláska – 1953 und 1957), Borisovás Geheimnis des goldenen Schlüssels (Tajemství zlatého klíčku – 1955), oder Sojkas Brokat, der Märchenprinz (Brokát, princ z pohádky – 1958). In dieser Zeit absolvierte das PTR – bereits unter der Leitung der Direktorin Františka Pavla Kainarová – seine ersten großen Auslandsreisen (1956 nach Vietnam und in die Mongolei, 1958 nach Indien, Ceylon, Indonesien, Kambodscha und Ägypten), die ein außergewöhnliches Echo bei den Zusehern fanden und dem Theater viele Erfolge und Preise einbrachten. Das Theatergebäude durchlief seinen ersten umfangreichen Umbau und eine (zu seiner Zeit einzigartige) Modernisierung der Bühne sowie der Bühnenumgebung.
Eine Ablöse der künstlerischen Leitung sowie des Ensembles fand in der ersten Hälfte der sechziger Jahre statt. Der Regisseur Jiří Jaroš entwickelte Kalábs lyrische Inszenierungshandschrift durch neue Impulse und Techniken weiter (Maskentheater, Pantomime, Schwarzlichttheater), nach und nach wurden Absolventen des Lehrstuhls für Puppen der DAMU (Theaterfakultät der Musischen Künste in Prag) engagiert (z. B. die Künstler Ilda und Jiří Pitr, die Schauspieler Anděla und Ján Čisárik, Josef Borek, Vratislav Schilder oder Světlana Bouzková). Die Inszenierungen des Theaters Radost wurden komödiantischer, wilder und lebendiger. In den siebziger Jahren (Direktor des PTR war seit dem Jahr 1969 der Komponist Dr. Ladislav Štancl), formte der neu engagierte Regisseur und Dramaturg Pavel Vašíček schon durch seine „Eingangs“-Inszenierung von Brdečeks Žito, der Magier (Žito kouzelník – 1970) das Programm des magischen Realismus, in dem sich sämtliches bisherige künstlerische Potential des Ensembles bezahlt machte: Kultiviertheit, Lyrik, aber auch Sinn für Humor – dies alles verbunden mit einer perfekten Puppenanimation. Er war es auch, der in der Zeit seines Wirkens im Theater Radost begann, Inszenierungen für die Jugend sowie für erwachsenes Publikum einzuführen. In den siebziger Jahren hatte das Ensemble (vom Lehrstuhl für Puppen der DAMU kam Lída Janků, vom Brünner Konservatorium beispielsweise Eva Jurůjová, Zdeněk Ševčík, Kateřina Rakovčíková) mit P. Vašíček an der Spitze einerseits namhafte poetische Inszenierungen für Kinder auf seinem Konto – z. B. Karafiáts Die Käferchen (Broučci – 1970), Speranskijs Ungesehene Schönheit (Krása nevídaná – 1974) oder Hrubíns Märchensammlung (Špalíček – 1979). Daneben gab es aber auch die eindrucksvollen, grotesken Gleichnisse von Ghelderodes Die Blinden (Slepci), Dürrenmatts Die Doppelgänger, Gogols Die Nase (Nos – 1971) oder Lorcas Ungehobelte Marionetten (Neotesané loutky – 1973), die für Erwachsene bestimmt waren.
Ende der siebziger Jahre wurde Dr. Štancl auf dem Post des Direktoren des PTR von Vratislav Schilder abgelöst, im Jahr 1980 wurde die Regisseurin Zoja Mikotová engagiert, eine Absolventin der JAMU (Janáček-Akademie für Musik und Darstellende Kunst Brünn). Wir erinnern an das gelungene Einstudieren ihrer Rollen in Twains Prinzen und dem Bettelknaben (Princ a chuďas – 1982), Davídeks Märchen vom Budulínek (Pohádky o Budulínkovi – 1987), Stevensons Schatzinsel (Ostrov pokladů – 1990), aber vor allem an den einzigartigen „Rekord“ in der Geschichte des PTR: Ihre Inszenierung von Čapeks Geschichten vom Hündchen und vom Kätzchen (Povídání o pejskovi a kočičce) wird seit der Prämiere im Jahr 1986 ohne Unterbrechung bis heute aufgeführt, also schon 25 Jahre! Im Jahr 1984 kamen die DAMU-Absolventen Regisseur Petr Kracik und der Künstler Jaroslav Milfajt hinzu. Dieses Tandem erschuf in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre eine bemerkenswerte Tetralogie von inhaltlich vielschichtigen Inszenierungen für Jugendliche und Erwachsene: Ibsens Peer Gynt (Císař Peer Gynt – 1985), S.Puškins Vom Zarewitschchen und den sieben Reichen (O carevičce a sedmi bohatýrech – 1986), M. Vodičkas Asagao – 1986 und
Moliéres Don Juan – 1988.

Für zwei Jahre (1988 – 1990) wurde das Theater in den administrativ begründeten Komplex „BrünnerTheater“ eingereiht.

In der Mitte der neunziger Jahre nahm der derzeitige Direktor und künstlerische Leiter des Theaters Radost, Regisseur Vlastimil Peška sein Amt auf. Er übernahm das bestehende Repertoire und entwickelte es konsequent für alle Alterskategorien von Zusehern weiter, die Dramaturgie orientierte er an Adaptationen klassischer Märchen für die Kleinsten, an Adaptationen von Schlüsselwerken der tschechischen sowie der Weltliteratur, sowie an der eigenen Bühnenbildung. Hand in Hand mit seinem Programm eines musikalisch unterhaltsamen Theaters etablierte er einen Chor, der sowohl sängerisch, als auch instrumental äußerst talentiert ist und eine breite Skala von Ausdrucksmitteln zu bewältigen fähig ist.

Dank der Qualität unseres Ensembles konnten wir in letzter Zeit auch sehr ambitiöse Projekte umsetzen, z. B. die komische Oper Princezna Sylvestrie (Prinzessin Sylvestrie) (2004) von J. Kompit, das Musikal Malované na skle (Gemalt auf Glas) von E. Bryll und K. Gärtnerová (2008), das Theaterstück Beatles, aneb Žlutá ponorka (Beatles oder Gelbes U-Boot) (2008 und 2014) von V. Peška, die Komödie Limonádový Joe (Limonaden-Joe) (2012) von Brdeček, ein Stück anhand des Romans Bylo nás pět (Wir waren fünf) von K. Poláček und sogar eine Inszenierung der Mozartschen Zauberflöte in einer Transkription der Musik und des Librettos von V. Peška (2014). Seit dem Jahr 2015 umfasst das Repertoire unseres Theaters auch die Dramatisierung des Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry und seit 2017 die Shakespearsche Komödie Die lustigen Weiber von Windsor. Das Theater Radost führt in jeder Saison etwa 30 Inszenierungen für ein vielfältiges Publikum auf – von Stücken für die kleinsten Kinder oder für Schüler bis zu Stücken für Jugendliche und Erwachsene. Eine detaillierte Beschreibung des aktuellen Repertoires finden Sie auf der Homepage des Theaters (www.divadlo-radost.cz).
Neben der großen Szene (Kapazität 220 Sitzplätze) werden Stücke auch auf der kleinen Szene oder im kleinen Spielpuppen-Museum aufgeführt. Im Juni 2017 wurde im Museum die Premiere der Inszenierung Špalíček des Dichters František Hrubín aufgeführt, und zwar unter der Leitung des neu engagierten Regisseurs Michal Sopouch.
Der Direktor Vlastimil Peška initiierte umfangreiche Umbauten aller Räumlichkeiten des ursprünglichen Theaters Radost. Das angestrebte Ziel wurde erreicht – es enstand eine moderne Theatereinrichtung mit mehreren Varianten für verschiedene Inszenierungen, einschließlich einer Sommerbühne und des sog. Spielpuppen-Museums – Zauberhafte Welt der Phantasie. Dies ist ein Bereich, wo regelmäßig Ausstellungen von Spielpuppen aus dem Besitz des Theaters und Präsentationen der Werke von mitarbeitenden Künstlern stattfinden.